kids and me

... neues vom kinderarzt ...
 
 

russisches kinderheim

ich betreue einen vierjährigen jungen, der vor einem halben jahr aus einem russischen kinderheim adoptiert wurde. soweit so gut. im begleitbrief steht wie immer das gleiche: sprachentwicklung sei verzögert, rachitis habe das kind, eisenmangel liege vor usw. letzteres muss eine ostblock-epidemie sein - kaum ein kind, dem dies nicht angedichtet wird. auch die rachitis bestätigte sich hier nicht. die sprachentwicklung ist sicher auffällig - im deutschen sowieso, aber auch das russische sei sehr rudimentär entwickelt.

wer schon einmal einen bericht über russische kinderheime gesehen hat, wundert sich allerdings über entwicklungsauffälligkeiten nicht. oft große verwahranstalten ohne individuelle förderung. eine adoption ist dann eigentlich der segen schlechthin.

das kind ist entsprechend distanzlos. es umarmt mich, es küsst mich, es rennt auf jeden zu (aber auch von allen wieder weg). er hat vermutlich nie eine fremdelphase durchlebt, eine trotzphase wurde ihm auch nie zugestanden. der junge ist in seiner distanzlosigkeit sicher psychisch hoch auffällig. also eher zu nett. 

dies sind schicksale, die es gibt und die man dank der adoption vielleicht auf den richtigen weg bringen kann. was mich allerdings ärgert: die adoptivmutter.

der junge hat in seiner freundlichkeit das halbe untersuchungszimmer begutachtet einschließlich steckdosen, instrumenten, computer, kabeln etc. er hat sich mein stethoskop gegriffen, hineingebissen, aus einem miniloch in der untersuchungsliege einen krater gepopelt und seine windel - ja - ausgezogen und fallen gelassen.
aber: die adoptivmutter hat nichts-null-garnichts-niente-rien dazu gesagt. sie wolle ihm "jetzt erstmal seine freiheiten lassen nach dem schicksal der ersten jahre."
er geht auch noch nicht in einen normalen kindergarten, weil er sich "noch in die familie eingewöhnen soll".

aber so wird die förderung leider auch nicht beginnen. auf diese dinge angesprochen, bemerkt die mutter, sie sei "ja nun einfach so zu einem fertigen kind gekommen" und müsse das alles erst einmal lernen.

falsch. sie hat einen körperlichen vierjährigen bekommen mit einer psychischen entwicklung eines allenfalls 10 monate alten, ausgelöst durch soziale deprivation in den ersten lebensjahren. und jetzt frage ich mich, ob das funktionieren kann, wenn die mutter null konzept in der erziehung hat. sie fixierte sich auf die sprachentwicklung, bestand auf logopädie zum deutschlernen und störte sich an den x-beinen des jungen.

ohje. andere eltern werden mit ihren kindern gross, lernen ihre eigenheiten zu erziehen, auch da wird viel falsch gemacht. aber hier bei diesem jungen muss die förderung eigentlich eine professionelle sein. imgrunde muss eine solche adoptivmutter zumindest ahnung von kindererziehung haben, sonst droht eine komplette vernachlässigung.
und später wird es immer heißen, es sei das kinderheim in russland gewesen.

9.9.08 11:59

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bisher 9 Kommentar(e)     TrackBack-URL


shortend (9.9.08 12:15)
Da muss man sich doch vorher mal nen Kopf machen und informieren was auf einen zukommt. Und sich erziehungstechnisch Hilfe suchen.


stilke / Website (9.9.08 12:43)
zufälle gibt´s. grad gestern wurde mir das zweifelhafte vergnügen zu teil, bei einem kaffee-kränzchen eine frau mit zwei adoptierten, russischen kindern kennenlernen zu dürfen/müssen. die beiden waren beinahe gleich alt (5) und hätten mit meinen beiden (5 und bald 4) spielen sollen. auch das kassachische au pair konnte nicht wirklich vermitteln und meine große war höchst irritiert, weil sich die beiden kinder nur anschrien und anfauchten (wie die affen im zoo).

die kinder leben in dieser familie schon über 2 jahre und machen regelmäßig therapie, was ich so mitbekommen habe und trotzdem eine gewaltige herausforderung.
dafür aber unter scheinbar???- ich weiß es nicht- besten bedingungen:
die mutter (havardstudierte psychologin bald fünfzig) sieht die aufzucht anscheinend als ihr persönliches experiment. ich bin wirklich gespannt, was da noch dabei raus kommt. vor allem, weil in kürze wieder zwei kinder aus einem russischen kinderheim in diese familie aufgenommen werden.


Silke / Website (9.9.08 12:48)
Also ich habe mich nie mit Adoptionen befasst, deshalb mag es sein, dass meine Fragen etwas daneben sind.

Aber:
1. Wird so eine Adoption nicht vom deutschen Jugendamt betreut/begleitet?
2. Wird bei solchen Kindern nicht genau geprüft, wer die adoptiert und ob die Eltern überhaupt in der Lage sind, dem Kind gerecht zu werden?
3. Werden die Eltern nach der Adoption nicht weiter betreut/begleitet und wird nicht drauf geachtet, dass dem Kind die notwendige Entwicklung/Förderung ermöglicht wird?

Mir fallen sicher noch mehr Fragen ein...

Natürlich hätten die Eltern sich über sowas im Klaren sein müssen. Vorher. Aber seien wir doch mal ehrlich: Die wollten nur ein Kind. Und das, was da drum herum ist, ist für die Eltern nebensächlich. Hauptsache, der unerfüllte Kinderwunsch wird doch endlich erfüllt. Deshalb bin ich der Meinung, dass Behörden und Institutionen, die Auslandsadoptionen ermöglichen, vielleicht ein bisschen besser aufpassen und begleiten sollten...


Sterntau / Website (9.9.08 14:25)
Silke... im TV werden regelmäßig Dokumentationen über adoptionswillige Deutsche gezeigt, die sich aus aller Herren Länder Kinder holen. Begleitet werden die eigentlich nur von Agenturen, die sie teuer bezahlen müssen. Das Jugendamt wird oft erst eingeschaltet, wenn es um den eigentlichen Akt der Adoption geht.

Ich kann mir vorstellen, dass es da einige Familien geben wird, die mit den adoptierten Kindern schlichtweg überfordert sind Den betroffenen Kindern tut man damit sicher nicht unbedingt einen Gefallen.


Chrizzo / Website (9.9.08 19:02)
Nun, mit dem Kinderheim in Russland fing es ja nun auch an.
Wenn es bei dem Adoptionsprogramm keine kompetente Begleitung gibt, dann kann man ihr ja vielleicht auch ein paar Ratschläge (Literatur, Workshops, Psychologen) geben, oder?


Jessica (10.9.08 23:43)
Mit dem Kinderheim fing es vielleicht an, aber Kinder brauchen doch Regeln. sonst sind sie irgendwann verloren. Wissen selbst nicht mehr, was los ist. Und ich denke, dass ein halbes Jahr Zeit genug ist, um sich an die Familie zu gewöhnen. Ich kann mir gut vorstellen, dass er einiges dazu lernt, wenn er mit anderen Kindern zusammen ist.

Mein Sohn war damals genau das Gegenteil. Der hat sich verkrochen und ist fast nie mit anderen "warm" geworden. Er kam dann letztes Jahr genau mit 1 1/2 Jahren in den Kindergarten. Im hätte nichts besseres passieren können.


Diane (11.9.08 07:53)
Ich stelle mir die Eingewöhnung in der Tat sehr schwierig vor.
Noch schwieriger, wenn das Kind keine feste, unterstützende Umgebung hat, mit Regeln, die nicht nur einschränken, sondern auch Sicherheit geben ;-)
Bin selbst Adoptivkind, hatte aber das Glück, nur ein halbes Jahr im Heim gewesen zu sein, und das in Deutschland.
Was nach der Adoption kommt, hängt meist alleine an den Adoptiveltern. Gerade bei Adoptionen aus dem Ausland kann so manches Adoptivelternpaar plötzlich auf sich alleine gestellt sein.
Es ist in der Tat häufig so, wie bei "normalen" Eltern, jetzt hast Du ein Kind, nu' schau, wie Du das machst.
Zumal sich Viele nicht wirklich bewußt sind, welche Probleme auftauchen können. Die Ado wird meist "schöngedacht", es kann niemals einfach sein, für so ein kleines Menschenkind.
Dann noch eine andere Sprache, ein anderes Land, man stelle sich vor, wie schwer das für einen Erwachsenen wäre, und dann als Kind, das ein Familienleben noch nicht kennt.

LG !


hajo (11.9.08 09:45)
Sicherlich liegt jeder Fall anders und die Bedingungen der Beispiele, die ich kenne, sind auch anders zu betrachten, aber sie führen doch zu Wegen, die vielleicht auch in diesem Fall/ähnlichen Fällen zum Erfolg (reibungsarme Eingewöhnung des Kindes) führen:
1. Ich kenne einige Kollegen, die anlässlich längerer Auslandsaufenthalte die Familie mitnahmen, meist mit Kindern im Vorschulalter (aber auch das ändert sich ja zwangsläufig). Es hat sich gezeigt, dass sich diese Kinder - nach einer Eingewöhnungsphase - vollkommen selbstverständlich in dieser "fremden" (ein Wort aus der Erwachsenenwelt!) Umgebung bewegten. Sprachprobleme gab es kaum, das Schreiben spielt in diesem Alter ohnehin keine grosse Rolle.
2. Eine befreundete finnische Familie kam mit drei Kindern nach Deutschland. Der Älteste hatte gerade das erste Schuljahr hinter sich, die Mittlere sollte eingeschult werden: Obwohl alle Kinder nur über rudimentäte Deutsch-Kenntnisse verfügten, gab es kein Kommunikationsproblem und die Kinder sprechen heute - nach zehn Jahren Deutschland-Aufenthalt und zehn Jahre wieder in der Heimat - besser Deutsch als so mancher Abiturient (im Übrigen fluchen sie in der Regel interessanterweise auf Deutsch).
Sicher: die Fälle haben einen Unterschied zu den angesprochenen: die Kinder wachsen in Ihrer intakten Familie auf, aber ich wollte damit nur sagen, dass man Kindern einfach etwas zutrauen kann bzw. muss. Zuviel Behüten (Glucken) ist genau so schädlich wie der Versuch, sich selbst zu verwirklichen. ES GEHT UM DAS KIND, NICHT UM DIE EIGENE THERAPIE!


Susanne (14.1.10 10:07)
Hallo Kinderdoc,

bin jetzt gerade über die Pharmama auf Ihre Website gestoßen - Respekt, klasse Seite, die zu lesen großen Spaß macht.

Nun bin ich an der Adoption des russischen Kindes hängengeblieben. Interessante Geschichte - sorry an einige der vorher kommentierenden- aber einiges stimmt so nicht, was hier über Ados geschrieben resp. kommentiert wird: Adoptieren - auch aus dem Ausland - kann man NUR in Zusammenarbeit mit einem deutschen Jugendamt. Und dieses muß die Familie immer nachbetreuen. (Siehe die Seiten im Internet nachlesbar zur sog. Haager Konvention über Kindesrechte - speziell zu internationalen Adoptionen.)
Allerdings ist es hier wie überall, wie wird die Hilfe von den Eltern angenommen. Viele (war hier nicht irgendwo die Rede von einer 50jährigen Neumutter?) Eltern haben seit Jahren einen großen Kinderwunsch, der nur mit einer Adoption erfüllt werden konnte, sind dann aber so unvorbereitet, was das tatsächliche Leben mit Kindern angeht, dass sie daran scheitern. Und wir sprechen ja oft von Kindern, die in Heimen waren mit all den bekannten Problemen.
Daher hier wie da - es gibt Hilfe - man muß sie sich nur holen und sie annehmen können.
Herzliche Grüße von Susanne